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Exkursion zur VW-Autostadt Wolfsburg – eine Stadt nur für das Auto? 

Im Rahmen des Geografie-Leistungskurses stand kürzlich eine Exkursion zur VW Autostadt in Wolfsburg auf dem Tagesplan. Wolfsburg ist eine Stadt, die wie kaum eine andere in Deutschland mit einem einzigen Industriezweig verbunden wird: dem Automobilbau.

Bei der Exkursion und der Führung durch die Autostadt und das VW-Werk konnten wir einen direkten Einblick in Produktion, Logistik, Arbeitsstrukturen, Marketing und Verkauf gewinnen. Das VW-Werk ist geprägt durch eine moderne Zusammenarbeit von Mensch und Technik. Automatisierte Roboter ermöglichen eine hocheffiziente Produktion. Täglich werden dort auf Nachfrage 2600 bis 2800 Autos produziert. Alle 16 Sekunden verlässt ein Auto das Werk. Dahinter stehen hochqualifizierte Mitarbeiter im Bereich Supply Chain Management, die Just-in-Time-Prozesse ermöglichen.

Vom Werk werden die gefertigten Autos direkt in zwei Autotürme überführt, wo sie zur Abholung bereitstehen. Die Autotürme der Autostadt sind vollautomatische Hochregale, die bis zu 800 Neuwagen lagern und täglich rund 500 Autos ausliefern. Das Ergebnis: Neben zahlreichen Verkäufen wurden die Autotürme im Guinness-Buch der Rekorde als schnellstes automatisches Parksystem der Welt eingetragen.

Die Größe der Produktionshallen und die komplexe Logistik hinterließen bei uns nicht nur Staunen, sondern auch viele Fragen. Wie wir im Unterricht und bei der Führung erfahren haben, wurde Wolfsburg ursprünglich für das Auto gegründet. Doch wie stark prägt der Automobilkonzern die Stadt wirklich? Ist Wolfsburg lediglich ein Produktionsstandort oder vielmehr ein städtisches Gesamtkonzept, das sich vollständig um das Automobil dreht?

Diese Überlegungen lassen sich auf eine zentrale Frage verdichten: Wolfsburg – eine Stadt nur für das Auto?

Geschichte und Standortwahl

Wolfsburg ist eine vergleichsweise junge Stadt, die erst im 20. Jahrhundert gegründet wurde. Ihr Ursprung geht ausschließlich auf die Gründung des Volkswagenwerks im Jahr 1938 während der NS-Diktatur zurück. Der Name Wolfsburg leitet sich vom gleichnamigen Schloss ab, das bereits vorher in der Region existierte.

Die Wahl des Standorts war keineswegs zufällig. Mehrere Faktoren machten das Gebiet attraktiv. So  stand genügend freie Fläche für die Errichtung des Werks zur Verfügung. Außerdem war die Lage verkehrstechnisch günstig. Das Gelände war an das Eisenbahnnetz angeschlossen und der Mittellandkanal ermöglichte den Transport von Kohle aus dem Ruhrgebiet zum VW-Werk. Heute spielt der Kanal eine geringere Rolle und dient hauptsächlich dem Abtransport von Abfallprodukten aus dem Werk.

Infrastruktur und wirtschaftliche Diversifizierung

Bezogen auf unsere Forschungsfrage sprechen jedoch viele Aspekte dagegen, dass Wolfsburg ausschließlich eine Stadt für das Auto ist.

Bereits bei unserer Ankunft war die Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs deutlich zu erkennen. Mit 28 Buslinien und mehreren Straßenbahnlinien sind Innenstadt, Wohngebiete, das VW-Werk und umliegende Regionen miteinander verbunden. Täglich werden rund 40.000 Menschen befördert, was etwa 31 Prozent der Wolfsburger Bevölkerung entspricht. Das macht die Stadt unabhängiger vom Autoverkehr und ermöglicht es vielen Menschen, auch ohne eigenes Auto mobil zu sein.

Auch wirtschaftlich wird sichtbar, dass Wolfsburg zunehmend versucht, sich vom VW-Konzern zu lösen und neue Impulse zu setzen. Ein gelungenes Beispiel ist das Designer-Outlet Wolfsburg, das im Jahr 2023 über 2,5 Millionen Besucher anzog.

Es besteht aus über 85 Einzelhandelsfilialen unterschiedlichster Branchen, darunter Marken wie Nike, Adidas, Puma und Tommy Hilfiger. Hinzu kommt ein breites gastronomisches Angebot, das die Besucher zum Verweilen einlädt. Aufgrund der Nähe zum VW-Werk profitiert das Outlet stark vom Besucherandrang der Autostadt – ein klassischer Agglomerationsvorteil.

Kulturell entwickelt sich Wolfsburg ebenfalls weiter. Das Science Center „Phaeno“ befindet sich direkt am Hauptbahnhof und beeindruckt mit seiner futuristischen Fassade. Im Inneren erwarten Besucher wissenschaftliche Phänomene zum Anfassen und Erleben. Das Phaeno gehört zu den bedeutendsten Attraktionen der Stadt und zeigt, dass Wolfsburg trotz der Dominanz des VW-Konzerns auch andere wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche fördern möchte.

Trotz dieser Entwicklungen bleibt eines klar: Das Auto steht in Wolfsburg weiterhin im Mittelpunkt.

Wolfsburg ist nicht nur bekannt für Volkswagen – man lebt hier das Auto. Auf den Straßen sieht man fast ausschließlich Fahrzeuge der Marke VW. Die Stadt ist mit breiten Straßen, großen Kreuzungen und zahlreichen Parkplätzen so gestaltet, dass der Autoverkehr Vorrang hat. Andere Verkehrsmittel wirken im Vergleich oft eher zweitrangig.

Ein besonders deutliches Zeichen für die Bedeutung des Autos ist die 2002 eröffnete Autostadt in direkter Nähe zum VW-Werk. Hier wird die zentrale Rolle des Autos deutlich. Es geht nicht nur darum, Fahrzeuge auszustellen, sondern, das Auto erlebbar zu machen. Die Autostadt ist 28 ha groß und besteht aus verschiedenen Bereichen, die zum Entdecken einladen. In jedem Pavillon wird eine bestimmte Marke präsentiert. Man kann sich in die Autos setzen, Probefahrten machen und beobachten, wie Fahrzeuge ausgeliefert werden. Etwa 1,6 Millionen Touristen besuchen jährlich die Autostadt. Diese wirkt eher wie ein Freizeitpark, bei dem sich alles um Autos dreht, als wie ein klassisches Museum. Alles ist modern und durchdacht  gestaltet – mit dem Ziel, ein positives Bild von Volkswagen zu vermitteln und die Begeisterung für das Auto zu stärken.

Auch im Alltag zeigt sich, wie zentral das Auto für die Menschen in Wolfsburg ist. In jeder Wolfsburger Familie arbeitet mindestens Familienmitglied bei VW, insgesamt sind über 60.000 Mitarbeiter direkt bei Volkswagen beschäftigt.

Fazit

Wolfsburg ist und bleibt in erster Linie eine Autostadt. Sie wurde eigens für Volkswagen gegründet, und bis heute hängen mehrere Tausend Arbeitsplätze direkt oder indirekt mit der Automobilproduktion zusammen. Die Stadtstruktur, der öffentliche Raum und große Teile der Infrastruktur sind auf das Auto ausgerichtet. Besonders in der Autostadt wird dies deutlich.

Auch wenn Wolfsburg inzwischen kulturelle, sportliche und wissenschaftliche Angebote vorweist – etwa den erfolgreichen VfL Wolfsburg, das Designer-Outlet, das Phaeno oder moderne Architektur – bleibt das Auto das verbindende Element. Viele dieser Angebote hängen direkt oder indirekt vom Erfolg und der Strahlkraft des VW-Konzerns ab.

Daher kommen wir zu folgendem Ergebnis: Wolfsburg ist keine Stadt mit Autos, sondern eine Stadt, bei der sich alles um das Auto dreht– und genau das macht sie einzigartig in Deutschland.

(Geo Lk He Q2/2025)